Musizierverständnis und Einflüsse

Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann
und worüber zu schweigen unmöglich ist.
Victor Hugo

Unsere Ohren sind vielen Einflüssen ausgesetzt und eine gewisse kindliche Neugierde ist mir dabei immer erhalten geblieben. Auf diese Weise kam ich auch mit dem, was heute "Klezmer" genannt wird, in Kontakt. Diese Musik hat sich mit meinen musikalischen Zugängen und Vorlieben verbunden. Seither beeinflusst dies mein Spiel, Spieltechnik und mein musikalisches Empfinden besonders - ohne mich darauf zu beschränken oder Traditionspflege betreiben zu wollen.

Mein persönlicher Stil ist so sicherlich eine Verbindung der musikalischen Einflüsse im bisherigen Leben: Klezmer, Jazz, Blues, Klassik, Moderne, Folk, Rock, Pop ....

Musizieren und das Spielen ist für mich vergleichbar mit dem Hören, Erlernen und Verwenden einer Sprache. Schon mit wenigen Worten, manchmal auch nur Laute, können wir etwas oder etwas von uns selbst mitteilen. Dabei sind Empfinden, Gefühle, innere Bewegungen, Botschaften - bewusst oder unbewusst - für jeden sprachlichen, gestisch-mimischen und eben auch musikalischen Ausdruck der Ausgang und Anfang.

Und die Stille.

Die erste Note ist immer die Stille. Die Note, mit der wir beginnen, ist immer schon die zweite. Und unser letzter Ton ist nicht das Ende. Er taucht nur wieder ein in die Stille, die bleibt, die immer da ist, aus der immer wieder Klang und Musik hervorgehen kann. Sie ist die Quelle.

Musik ist Mit-teilung, das heißt auch: hörendes Publikum und Musiker teilen m i t e i n a n d e r Musik, das ist die gemeinsame Handlung. Die Rolle und Aufgabe der Musiker ist dabei vergleichbar einem Gefäß zu sein, das die immer schon vorhandene Musik an alle beteiligten Ohren und Seelen weitergibt. Das ist auch der tiefere Sinn des Wortes Klezmer, zusammengesetzt aus den aramäischen Silben "kli" (= Gefäß) und "zemer" (= Lied, Musik).

So ist Klezmer in einem solchen Verständnis eine musikalische Haltung, die für alle Musikrichtungen gelten kann. Ich hatte das große Glück mit Musikern und Lehrern zusammengetroffen zu sein, die diesen Weg schon länger gehen. Bei ihnen lernte ich klarer nachzuvollziehen, was geschieht, wenn wir aus unserem Inneren und aus der Stille heraus der Musik einen Ausdruck verleihen. Dieser Ansatz ist letztendlich auch ein Erinnern an die kindliche Spielweise, wir haben das alle bereits erfahren - und oft wieder verlernt.

Zuerst führte mich Helmut Eisel in dieses - so gesehen - altbekannte und doch wieder neugeschenkte Musizierverständnis ein. Helmut ist derzeit sicher einer der führenden deutschen und europäischen Klezmerklarinettisten und Komponisten. Helmut brachte mich auch in Kontakt zu seinem musikalischen Freund und Partner Giora Feidman, indem er mir den Impuls gab mit zu seinen Workshops nach Israel zu kommen. Seit 2009 hatte ich bei mehreren Israelaufenthalten und dort auch bei Giora Feidman, in seinen Masterclasses und im gemeinsamen Konzertieren mit ihm und anderen zahlreich Gelegenheit in diese besondere Art von Musizierfreude - learning by doing - einzutauchen.

In diesem Kreis, in diesem Geist und im Kontakt mit vielen großartigen Musikern aus der ganzen Welt (u.a. Raul Jaurena, Guido Jäger, Enrique Ugarte, Avi Avital, Philipp Cuper u.v.m.) spielten wir vielfach in wechselnden Besetzungen mit allen beteiligten Studenten auf dem bekannten internationalen Klezmerfestival in Safed / Galiläa, zum Teil auch live im israelischen TV, in Synagogen, im Raum Tel Aviv, in Jerusalem und dort auch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Beim Musizieren in Israel und besonders auch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wurde mir klar, dass die Musik eine essentielle Kraft und Botschaft in sich zu tragen vermag, die dem Leben und dem Zusammenleben der Menschen dient. Wenn bisherige Lösungsversuche bei den verschiedensten Konflikten gescheitert sind, Neues noch nicht probiert wurde und Gegensätze als unüberwindlich erscheinen: Die Kunst - besonders auch die Musik - ist in der Lage, immer wieder einen Zugang zu Menschlichkeit, Humanität und Freude zu bahnen. Vielleicht schwer erklärbar - aber einfach erlebbar.